Geld mit Sozialer Arbeit im Netz verdienen?!

Das kennen wir alle: Online-Anzeigen, die schon auf den ersten Blick unseriös wirken. Geld verdienen, im Schlaf, mit einem Klick und das ganz ohne Anstrengung.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

© die jeweiligen Werbetreibenden – Eingebunden bei der Allgemeinen Zeitung

Solche Anzeigeformate sind genauso alt, wie das World Wide Web.

Nun bin ich aber über eine ganz neue Geschäftsidee gestolpert, welche sich der Sozialen Arbeit bedient. Geworben wird u. a. bei der Allgemeinen Zeitung mit Anzeigen und Überschriften wie: „Die 3 größten Erziehungsfehler“ . Dabei wird auf eine Seite verlinkt, auf welcher zunächst nur ein Video eingeblendet wird.

Das eingebundene Video kann man sich in voller Länge  hier ansehen. Darin redet der Sprecher (Daniel, Sozialarbeiter) fast 18 Minuten zum Zuschauer. Ansätze von NLP lassen sich leicht entdecken, zumindest jedoch eine gezielte Verkaufsstrategie.

Hier sehen Sie Ausschnitte aus dem Video als Screenshot-Präsentation (von mir als Backup angelegt):

© familiensegel.de

Während man sich dieses Video (welches automatisch abgespielt wird) ansieht, blendet sich nach 11 Minuten ein Kauf-Button ein. Die Idee hinter einer solchen verzögerten Einblendung ist klar: Wäre der Kauf-Button schon von Beginn an auf der Seite sichtbar, wären potentielle Kund_innen womöglich abgeschreckt.

Mit einem Klick auf den Button, gelangt man zu einem Online-Shop von digistore24.com, bei welchem man sich für 49,00 € den Zugang für die Seite sichert. Was genau man dabei kauft bleibt unklar.

Bei dieser – und ähnlicher Anzeigen – handelt es sich vermutlich um Retargeting-Kampangen. Klicken sie auf die Box hier, um mehr über solche Kampagnen zu erfahren:

"Als Retargeting [...] wird im Online-Marketing ein Verfolgungsverfahren genannt, bei dem Besucher einer Webseite – üblicherweise ein Webshop – markiert und anschließend auf anderen Webseiten mit gezielter Werbung wieder angesprochen werden sollen. Ziel des Verfahrens ist es, einen Nutzer, der bereits ein Interesse für eine Webseite oder ein Produkt gezeigt hat, erneut mit Werbung für diese Webseite oder ein Produkt zu konfrontieren. Hierdurch soll die Werberelevanz und somit die Klick- und Konversionsrate (z. B. Bestellquote) steigen." 

Dabei haben die Seiten, welche solche Anzeigen einblenden (wie die Allgemeine Zeitung) z. T. nicht unmittelbar Einfluss auf die angezeigte Werbung. Diese wird von kooperierenden Vermarktungsgesellschaften wie in diesem Fall Ad Up Technology eingeblendet und gesteuert.

 Problem? Problem!

Warum ich diese Anzeige überhaupt zum Anlass nahm, einen kurzen Artikel zu schreiben? Klar, die meisten von uns erkennen zum Teil (!) Werbung als eben solche und können seriöse von unseriösen Angeboten unterscheiden. Doch wie ist es mit unerfahreneren User_innen?

Zudem empfinde ich es unlauter die Notlagen von Menschen auszunutzen. Wer sich wirklich das oben verlinkte Video in Gänze ansieht, muss in einer Notsituation sein. Vielleicht wissen die Nutzer_innen auch nicht, dass es kostenfreie Angebote von zertifizierten Institutionen oder öffentlichen Stellen gibt, bei welchen ausgebildete Sozialprofessionelle ihre Hilfe anbieten.

Stellungnahme des Seitenbetreibers

Mit etwas Recherche (siehe unten), konnte ich an den Seitenbetreiber herantreten. Dieser war bereit, mir ein paar Fragen zu beantworten.

"Ich bin selbst betroffener - besetze die Vaterrolle - und stehe so wie andere Eltern vor zahlreichen Erziehungsentscheidungen. Ich kann mich sehr gut in Unsicherheiten hineinversetzen, obwohl ich Fachkraft bin. Da stellte ich mir die Frage, wie es Eltern geht, die keine Fachkräfte sind. Daher das digitale Informationsprodukt. Des Weiteren haben mir Mitarbeiter, Fachkräfte vom Jugendamt, Eltern und Kinder/Jugendliche positive Rückmeldung bezüglich meines Erziehungsstil gegeben, was mich bewogen hat, dieses digitale Informatinsprodukt zu erstellen. Das Medium Internet bietet sich dafür sehr gut an, da sehr viele Menschen ihre Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen im Internet googeln."
"Ich möchte mein Fachwissen der Gesellschaft zur Verfügung stellen und Menschen helfen. Denn durch kleine Stellschrauben, an denen man gemeinsam dreht kann zeitnah vielen Menschen langfristig nachhaltig geholfen werden."
"NLP ist mir inhaltlich nicht bekannt (Ihnen ja auch nicht). Natürlich bewerbe ich mein Produkt um mich auch zu positionieren und dass der Interessierte dadurch auch erfährt wer ich bin und was ich mache."
"Für EINIGE Leute ist der kostenfreie aber direkte Kontakt eine zu hohe Hürde. Die Leute benutzen oft das Medium Internet als Hilfsmittel zur Lösung ihres Anliegens. Die Hemmung unsichere Fragen zu stellen, können durch E-Mail leichter gestellt werden. Darüber hinaus - wie Sie erwähnt haben - bieten wir auch persönlichen Kontakt an. Die Internetpräsenz und der Kontakt per Skype/ E-Mail wird durch die 49 € refinanziert. So kann gute Arbeit gewährleistet werden."
"Da ich dies nicht hauptberuflich betreibe kann ich keine 'schnelle Mark' machen und es gibt für den Kauf des Produktes eine 60 Tage-Geld-zurück Garantie, eine E-Mail genügt und das Geld wird ohne Fragen zurückgeführt. Begleitet wird dies durch digistore24, einen anerkannten Onlinemarktplatz für digitale Produkte. Zudem: es gibt ja auch viele private Schwimmschulen, obwohl es kostenlosen Schwimmunterricht in Schulen gibt. Warum bezahlen Eltern dies dennoch? Weil sie das Beste für Ihr Kind / Familienleben wollen. Warum kaufen Eltern einen Ratgeber in Form von Erziehungsbücher obwohl es kostenlose Einrichtungen gibt? Weil Eltern ihr Anliegen wohl eher auf diesem Wege angehen. Die Kosten für ein Fachbuch nehmen die Eltern gerne in kauf. Warum? Weil sie das Beste für ihr Kind/Familienleben wollen. Daher finde ich mein Geschäftsmodell legitim. Ich akzeptiere natürlich Einrichtungen die ihre Tätigkeit kostenlos anbieten."

Vielen Dank für die Stellungnahme. (Diese wurde mir per E-Mail zugesandt. Zuvor gab es ein Telefongespräch mit dem Seitenbetreiber).

Whois: Wer steckt hinter einem bestimmten Angebot?

Um herauszufinden, wer genau hinter einem Angebot resp. Domain steht, kann eine Whois-Abfrage hilfreich sein. Für Domains mit der Top-Level-Domain .de, ist dies über Denic.de leicht möglicht. Andere Tools wie whois.net, können auch erste hilfreiche Hinweise enthalten.

"Whois (englisch who is ‚wer ist‘) ist ein Protokoll, mit dem von einem verteilten Datenbanksystem Informationen zu Internet-Domains und IP-Adressen und deren Eigentümern abgefragt werden können. Whois-Anfragen werden seit ihren Anfängen vor allem über die Kommandozeile durchgeführt. Da entsprechende Client-Software nicht für alle gängigen Betriebssysteme verfügbar war, setzten sich früh Web-basierte Frontends durch. Trotz späterer entsprechender Versionen erfreuen sich Web-Whois-Anbieter immer noch großer Beliebtheit, nicht zuletzt aus Gründen der Aktualität bei Domain-Lookups."

Selbstverteidigung: Werbung aussperren!

Um solche und andere Werbung auszublenden, empfiehlt sich der Einsatz von Werbeblockern (z. B. als Erweiterung für den Browser –   siehe hier). Somit bleibt man von einem Großteil der Online-Werbung verschont. Denn wenn wir ehrlich sind: Viele Seiten sind de facto nicht gut nutzbar, wenn links, rechts, oben und unten etwas blinkt.

Dies kann natürlich nur bei Werbung funktionieren, die von der Software als solche erkannt wird. In ein redaktionelles Gewandt gekleidete PR-Aktionen sind so natürlich nicht zu umgehen.

Neben dem Aussperren von Werbung, sollte auch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Online-Marketing, Werbekampagnen und redaktionell getarnte Anzeigen im Fokus stehen.

Gegenmaßnahme: Werbung dokumentieren!

Sie kennen ähnliche Anzeigen mit Bezug zu sozialen Themen? Sind über zumindest fragwürdige oder undurchsichtige Angebote gestoßen? Ich rufe Sie alle dazu auf, diese zu dokumentieren:

  • Notieren Sie sich die URLs/Domain(s) in einer Text-Datei
  • Machen Sie Screenshots von den eingeblendeten Anzeigen
  • Machen Sie Screenshots von den eigentlichen Seiten des Anbieters (z. B. der Landingpage bzw. Startseite)
  • Gerne können Sie mir diese Informationen zusenden!

PS: Sowohl die Allgemeine Zeitung, AD UP Technology als auch digistore24 – also alle, welche alle an solchen Geschäften verdienen – wurden bzgl. der oben genannten und anderen bzw. ähnlichen Anzeigen um kurze Stellungnahme gebeten.

 

Veröffentlicht von

BG

Mein Name ist Benedikt Geyer. Auf meiner Seite verblogge ich Interessantes rund um die Soziale Arbeit & neuere Medien und deren gegenseitige Wechselwirkung.

3 Gedanken zu „Geld mit Sozialer Arbeit im Netz verdienen?!“

  1. Benedikt, ich finde dein Engagement sehr bewundernswert. Besonders wie du dich für die „Schwachen“ einsetzt, obwohl man da wohl eher beim TV-Program anfangen sollte (z.B. RTL2). Trotzdem würde ich auch gerne einmal auf die andere Seite der Medaille eingehen:

    Irgendwie müssen die Webseitenbetreiber ihr Geld verdienen. Besonders Nachrichtenseiten, wie die Allgemeine Zeitung, ist auf Werbeeinahmen angewiesen, um ihren redaktionellen Content dem Leser „umsonst“ zur Verfügung stellen zu können. Der Gedanke, dass das Internet bzw. die Inhalte im Internet umsonst zugänglich sein sollten, ist einfach iditotisch, da die Journalisten schließlich auch von etwas leben müssen.

    Adblocking Anbieter, wie Adblock Plus, sind im Endeffekt selbst „Gangster“, da sie Werbenetzwerken wie Google die Möglichkeit geben sich für einen bestimmten Betrag freizukaufen bzw. whitelisten zu lassen.

    Sich in diesem Fall über „Familiensegel“ zu echauffieren ist doch sehr merkwürdig, denn dann könnte man gleich alle Großunternehmen von VW bis Beiersdorf (Nivea) an den Pranger stellen, die sich Bonus-Gehälter von mehreren Millionen Euros in die Tasche stecken und den Endkunden bescheißen.

    Irgendwoher müssen die Gelder ja kommen, um z.B. Sozialarbeiter finanzieren zu können und wenn wir ganz auf Profit-Organisations und Werbung im Internet verzichten wollen, können wir gleich Richtung Planwirtschaft marschieren.

    Ich kann schon verstehen, dass man kein Bock auf Werbung im Internet hat, aber dann sollte man auch bereits sein kostenpflichtige Abbos (z.B. Bild Plus) abzuschließen und so für das redaktionelle Erlebnis auf andere Art und Weise zu bezahlen.

    1. Hallo Rächer mit dem roten Becher,

      bzgl. der anderen Seite der Medaille:

      Irgendwie müssen die Webseitenbetreiber ihr Geld verdienen. Besonders Nachrichtenseiten, wie die Allgemeine Zeitung, ist auf Werbeeinahmen angewiesen, um ihren redaktionellen Content dem Leser „umsonst“ zur Verfügung stellen zu können. Der Gedanke, dass das Internet bzw. die Inhalte im Internet umsonst zugänglich sein sollten, ist einfach iditotisch, da die Journalisten schließlich auch von etwas leben müssen.

      Klar, das Geld muss irgendwoher kommen. Doch die Allgemeine Zeitung hat schon eine abgestufte Paywall implementiert (Quelle). Aber der Punkt ist für mich – wie geschrieben – gar nicht, dass es überhaupt Werbung auf Seiten gibt. Vielmehr hat es die letzten Jahre derart Überhand genommen, dass es nicht mehr ohne Werbe-Blocker auszuhalten ist (siehe Beispiele weiter unten von SPON).

      Und da Sie schon die Idiotie „im Internet muss alles umsonst sein“ ansprechen: Nein, muss es nicht. Ich zahle gerne für gut geschriebene und recherchierte Artikel Geld. Doch leider hat es der Großteil der Medienhäuser versäumt, wirklich gute und einfache Lösungen anzubieten (ähnlich wie Flattr, was sich leider nie durchsetzen konnte). Guter Journalismus muss dringend entlohnt werden – da bin ich ganz bei Ihnen. Jedoch zieht es auch die Qualität der AZ runter, wenn neben einem guten Beitrag Werbung erscheint, welche nicht gewissen Standards entspricht.

      Adblocking Anbieter, wie Adblock Plus, sind im Endeffekt selbst „Gangster“, da sie Werbenetzwerken wie Google die Möglichkeit geben sich für einen bestimmten Betrag freizukaufen bzw. whitelisten zu lassen.

      Es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten… und gerade die textbasierte Google-Werbung empfinde ich als nicht so störend.

      Sich in diesem Fall über „Familiensegel“ zu echauffieren ist doch sehr merkwürdig, denn dann könnte man gleich alle Großunternehmen von VW bis Beiersdorf (Nivea) an den Pranger stellen, die sich Bonus-Gehälter von mehreren Millionen Euros in die Tasche stecken und den Endkunden bescheißen.

      Irgendwoher müssen die Gelder ja kommen, um z.B. Sozialarbeiter finanzieren zu können und wenn wir ganz auf Profit-Organisations und Werbung im Internet verzichten wollen, können wir gleich Richtung Planwirtschaft marschieren.

      Da komme ich nun wirklich nicht mit. Gerne übe ich auch Kritik an Großunternehmen. Die thematische Ausrichtung meines Blogs ist jedoch auf bestimmte Themen beschränkt. Zudem besitze ich nicht die nötige Expertise in den von Ihnen genannten Bereichen.

      Ich kann schon verstehen, dass man kein Bock auf Werbung im Internet hat, aber dann sollte man auch bereits sein kostenpflichtige Abbos (z.B. Bild Plus) abzuschließen und so für das redaktionelle Erlebnis auf andere Art und Weise zu bezahlen.

      Spenden an Blogger, freie Software-Entwickler und für einzelne Artikel sind selbstverständlich für mich.

      —————

      Hier die angesprochene SPON-Werbung:

      Werbung auf spiegel.de

Feedback wanted :)